Gehörlosigkeit

Von etwa 450.000 Menschen, die in Österreich aufgrund einer Hörbehinderung in der Kommunikation mit anderen beeinträchtigt sind, sind ungefähr 8.000 – 10.000 Menschen gehörlos. Einige weitere tausend Menschen sind darüber hinaus so hochgradig schwerhörig oder ertaubt, dass ihnen eine Verständigung allein über das Gehör auch mit Hörhilfen kaum möglich ist. Diese Personen verwenden häufig ebenfalls die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS).

Lebenssituation Gehörloser

Obwohl die Österreichische Gebärdensprache 2005 als eigenständige Sprache in der österreichischen Bundesverfassung anerkannt wurde, blieb die Lebenssituation für gehörlose Menschen weiterhin schlecht.

Besonders die Bildungssituation führt dazu, dass gehörlose Menschen in vielen gesellschaftlichen Bereichen einen sehr geringen oder nur erschwerten Zugang zur Gesellschaft haben. In den meisten Schulen und Ausbildungsstätten in Österreich wird ÖGS nicht als Unterrichtssprache im Unterricht gehörloser Kinder- und Jugendlicher angewandt, sondern es wird ausschließlich oder hauptsächlich auf die Vermittlung der Lautsprache Wert gelegt und das richtige Artikulieren trainiert.
Dabei bleiben aber viele Inhalte und Informationen (Wissensvermittlung) auf der Strecke und die meisten gehörlosen Kinder, die aus einem gebärdensprachlichen Umfeld stammen, werden nach dem allgemeinen Sonderschullehrplan unterrichtet, obwohl sie keine zusätzlichen (z.B. geistigen Behinderungen) aufweisen.

Das führt bei den meisten gehörlosen Menschen zu einem sehr niedrigen Bildungsabschluss und die Möglichkeiten für den Besuch weiterführender höherer Schulen und Hochschulen bzw. einer höherwertigen Berufsausbildung sind damit sehr reduziert.

Daher drängen viele gehörlose Personen in Österreich darauf, dass endlich auch das Angebot eines bilingualen Schulunterrichts für gehörlose Kinder eingerichtet wird. Hier steht die ÖGS als Unterrichtssprache an erster Stelle neben der Vermittlung der Laut- und der Schriftsprache.

Muttersprache ÖGS

Viele gehörlose Menschen bezeichnen die ÖGS als ihre Muttersprache.

Landläufig wird Muttersprache als die Sprache definiert, die das Kind als erste lernt. Von der finnischen Linguistin Tove Skutnabb-Kangas werden neben diesem „Kriterium der Herkunft“ vier weitere Kriterien genannt:

  • Nach dem Kriterium der internen Identifikation ist die Sprache Muttersprache, mit der man sich selbst identifiziert.
  • Nach dem Kriterium der externen Identifikation ist die Muttersprache die Sprache, als deren Sprecher/in man von anderen identifiziert wird.
  • Nach dem Kriterium der Kompetenz ist die Muttersprache die Sprache, die man am besten beherrscht.
  • Nach dem Kriterium der Funktion ist die Muttersprache die Sprache, die man am meisten verwendet.

Daher kann ÖGS als die Muttersprache vieler gehörloser Erwachsenen bezeichnet werden, auch wenn sie ÖGS erst im Schulalter oder noch später erlernen.

Gehörlosenkultur

Alle Gebärdensprachen sind immer eng mit der Kultur der Gehörlosengemeinschaften verbunden, aus denen sie gewachsen sind. Gehörlosengemeinschaften sind meist gut organisiert und so gibt es in Österreich viele Vereine und Verbände, die stark untereinander vernetzt sind.
Die meisten Gehörlosen leben in Österreich zweisprachig, sie leben in ihrem Alltag in der „hörenden Welt“ und damit in der Sprache der Mehrheit – in Österreich Deutsch –, und aber ebenso in der „Gehörlosen-Welt“ und ihrer Minderheitensprache (der ÖGS).

Nähere Informationen finden Sie auf der Seite des Österreichischen Gehörlosenbundes und auf der Seite gehörlos.at, wo sie auch die Adressen der Gehörlosenorganisationen in allen Bundesländern finden können.

Weites sind folgende Bücher als Einstieg in die „gehörlose Welt“ zu empfehlen:

Laborit, Emmanuelle (2002) Der Schrei der Möwe. Jenseits der Stille – Mein Leben als Gehörlose. Bastei Lübbe Taschenbuch, 5. Auflage

Lane, Harlan (1994) Die Maske der Barmherzigkeit. Unterdrückung von Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft. Hamburg, Signum, Band 26.

Sacks, Oliver (1992) Stumme Stimmen. Reise in die Welt der Gehörlosen. Rororo.