Taube DolmetscherInnen

Ausbildung/Studium

Am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg existiert seit 2010 ein eigener Studiengang für taube Personen, welche sich zum tauben Gebärdensprachdolmetscher/zur tauben Gebärdensprachdolmetscherin ausbilden lassen wollen. Dieser Studiengang umfasst folgende Module: Einführung, Gedächtnistraining, Translationswissenschaften, Berufsethik, Linguistik für GebärdensprachdolmetscherInnen, Vom-Blatt-Übersetzen, Simultandolmetschen, Teamdolmetschen, International Sign, Dolmetschen vom Teleprompter (exkl. Aufbaumodule zu vertiefenden Profilqualifikationen: Dolmetschen für taubblinde Menschen). Auch in Salzburg gibt es seit 2013 eine ähnliche Ausbildung namens LOGO!.

Abschluss

Nach durchlaufenem, oben beschriebenem Studiengang legen die Teilnehmenden eine Prüfung auf dem Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft an der Universität Graz (in Zusammenarbeit mit dem ÖGSDV) ab und beenden den Studiengang als „GebärdensprachdolmetscherInnen“. Sie können anschließend Mitglied im Berufsverband werden. (http://www.oegsdv.at/wege-zum-beruf/berufseignungspruefung/) Eine andere Möglichkeit ist es, eine staatliche Prüfung in Darmstadt, Deutschland (Landesschulamt und Lehrkräfteakademie) zu absolvieren.

Besonderheiten

Taube DolmetscherInnen sind (im Idealfall) mit der einer/Österreichischen Gebärdensprache als Muttersprache/L1 aufgewachsen und haben durch diesen natürlichen Spracherwerb ein sehr feines, intuitives und differenziertes Sprachgefühl.

Die tauben DolmetscherInnen sind aufmerksam und einfühlsam hinsichtlich des Hintergrunds der KundInnen und rechnen mit der Variationsbreite persönlicher Erfahrungen, die von Fall zu Fall zu einem speziellen Sprachgebrauch führen. Sie besitzen außerdem ein breites Wissen über und Verständnis von Gehörlosigkeit, der Gehörlosengemeinschaft und/oder Gehörlosenkultur, das in Verbindung mit hervorragenden Kommunikationsfähigkeiten (Register) in sowohl alltäglichen als auch ganz besonders schwierigen Dolmetschsituationen zusätzliche Expertenkenntnisse beisteuern kann.

Dazu kann die Anwesenheit der tauben DolmetscherInnen auf die tauben KundInnen einen positiven psychologischen Einfluss haben, weil beide auf der Grundlage ihrer gleichartigen Lebenserfahrung und kulturellen Identifikation miteinander in Beziehung treten können. Das kann bei den tauben KundInnen ein Gefühl von Empowerment auslösen, mit dessen Hilfe sie in der Lage sind, anderen Personen gegenüber, mit denen sie zuvor nicht kommunizieren oder die sie nicht erreichen konnten, ihre Gedanken auszudrücken.

Arbeitsweise

Taube GebärdensprachdolmetscherInnen arbeiten in ihrer Dolmetsch- sowie Übersetzungstätigkeit vorwiegend im Team mit hörenden GebärdensprachdolmetscherInnen und -übersetzerInnen zusammen. Aber innerhalb der tauben Community arbeiten sie auch mit tauben KollegInnen, oder alleine, etwa bei Sportveranstaltungen, Konferenzen, etc.

Arbeitssprachen

Dolmetschtätigkeiten: ÖGS (Österreichische Gebärdensprache) (mit div. Sprachregistern), International Sign (IS), andere Gebärdensprachen z.B. ASL (American Sign Language), LSF (Langue des Signes Française) etc.

Übersetzungstätigkeiten: Deutsch, Englisch (schriftsprachliche Texte) oder gebärdensprachliche Videos von einer Gebärdensprache in die andere (z.B. ASL-ÖGS, ASL-IS oder andere Kombinationen).

Arbeitsbereiche

Dolmetsch- und Übersetzungsbereiche:

Kommunaldolmetschen
Ämter/Behörden, im medizinischen Bereich, im Bereich Psychologie/ Psychiatrie, Sozialbereich, Arbeitswelt, Schulbereich, im Bereich Religion, etc. Übersetzung der behördlichen/medizinischen Texte/der Arbeitsverträge

Mediendolmetschen und -übersetzen
Fernsehen, Nachrichten, Internet, Webseite, Guides etc.

Gerichtsdolmetschen
bei Gerichtsverhandlungen, bei der Polizei, bei Anwälten etc.

Dolmetschen innerhalb der tauben Community
Veranstaltungen, Vorträge, Verhandlungen etc.

Konferenzdolmetschen
Konferenzen, Kongresse, Workshops, Seminare etc.

Bildungsdolmetschen
Schule, Universität (z.B. ErasmusstudentInnen), Weiterbildung, Übersetzung von Kinderbüchern/Schulmaterial etc.

Dolmetschen im Bereich der Kultur und Freizeit
Museumsführung, Stadtführung, Reiseleitung, Theateraufführung, Festivals etc.

Kundschaft

  • taube Menschen,
  • taube Menschen mit kognitiven Schwierigkeiten
  • taube MigrantInnen, die der ÖGS nicht mächtig sind
  • taube Menschen, die ohne Sprache aufgewachsen sind
  • GastreferentInnen aus dem Ausland
  • hörende AuftraggeberInnen